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Operationsverstärker III:
Die virtuelle Spannung, noch einmal...
und der Einschwingvorgang



  • Das Inhaltsverzeichnis meiner Elektronik-Minikurse

  • Die Philosophie meiner Elektronik-Minikurse
        (WICHTIG: Unbedingt zur Kenntnis nehmen!)

  • Hilfe bei Leserfragen.
        (WICHTIG: Unbedingt zur Kenntnis nehmen!)

  • Simulieren und Experimentieren, ein Vorwort von Jochen Zilg

  • Autor:   Thomas Schaerer         Buch 1 Buch 2



  • Einleitung

    Es gibt bereits die beiden Elektronik-Minikurse Operationsverstärker I und Operationsverstärker II. Mit diesem Elektronik-Minikurs über Operationsverstärker kommt ein dritter hinzu, der das offenbar schwierig zu verstehende Thema über die virtuelle Masse (GND) bzw. über die virtuelle Spannung, von Schaltungen mit Operationsverstärkern noch einmal erläutert. Dieses Thema begann in Operationsverstärker I. Um dem Verständnis betreffs virtueller Spannung eine zusätzliche Chance zu geben, wird diese Problematik hier aus einer andern Perspektive erläutert. Wir betrachten die virtuelle Spannung beim Impedanzwandler (Verstärkung = 1), gehen weiter zum gegengekoppelten Operationsverstärker der die Eingangsspannung verstärkt und setzen fort bei einem Leistungs-Operationsverstärker, bei dem zwischen seinem Ausgang und dem Anschluss einer Last (je nachdem Lautsprecher, Motor, Heizung etc.) der Leitungswiderstand berücksichtigt werden muss, wobei das Gegenkopplungsnetzwerk bei der Lastspannung und nicht am Ausgang des Operationsverstärkers angeschlossen ist. Bei all dem konzetrieren wir uns einzig und alleine auf die virtuelle Spannung am nichtinvertierenden Eingang.

    Das zweite Thema befasst sich ebenfalls mit einer Fortsetzung aus dem Elektronik-Minikurs Operationsverstärker I. Es geht um die Geschwindigkeit des Operationsverstärkers (Unity-Gain-Bandbreite und Slewrate), wobei uns hier das Einschwingverhalten interessiert. Es geht darum zu verstehen was am Ausgang passiert, wenn am Eingang eine steile Impulsflanke auftritt und wie sich die virtuelle Spannung bzw. die Differenzspannung am Eingang des Operationsverstärkers bei der selben Situation verhalten.

    Auf englisch heisst der Operationsverstärker Operating-Amplifier. Abgekürzt bezeichnet man ihn auch im deutschsprachigen Raum oft als Opamp. In meinen Elektronik-Minikursen kommen immer wieder beide Begriffe, also Operationsverstärker und Opamp, vor.



    Die virtuelle Spannung vom Impedanzwandler bis zum Verstärker
    bei der nichtinvertierenden Verstärkerschaltung

    Der vollständig gegengekoppelte Opamp, der Impedanzwandler mit seiner typischen Verstärkung von 1, hat eine direkte Verbindung vom Ausgang zum invertierenden Eingang des Opamps. Ua und die virtuelle Spannung Uv sind identisch. Es kommt also auf das selbe heraus, ob man einen beliebigen nicht allzu niederohmigen Widerstand Rx (z.B. 1 k-Ohm) an Ua oder an Uv anschliesst. Die Spannung über Rx bleibt gleich, weil die Differenzspannung Ud im eingeschwungenen Zustand des Opamp stets fast 0 V ist.

    Fast bedeutet, dass Ud abhängig ist vom Verhältnis der gegengekoppelten Verstärkung zur Leerlaufverstärkung und damit auch abhängig ist von der Signalfrequenz an Ue, wie dies bereits in Operationsverstärker I erklärt ist. Wir haben es hier einfachheitshalber mit DC-Spannungen (Frequenz = 0 Hz) zu tun, weshalb hier Ud mit der Spannung VDC gezeichnet wird. Weiter beschäftigen wir uns nur mit sehr geringen Verstärkungsfaktoren. Die Leerlaufverstärkung ist dabei extrem hoch. Bei einem Opamp des Typs LF356 beträgt sie 106 dB, das einem Faktor von 200'000 entspricht. Alleine diese hohe Leerlaufverstärkung (Open-Loop-Gain) ist praktisch verantwortlich dafür, dass Ud praktisch 0 VDC ist.

    Es muss einem einfach klar sein, wenn bei der gegengekoppelten Opampschaltung die Eingangsspannung sich ändert, ist es der Hauptzweck des Opamp Ud immer auf den möglichst geringen Wert von praktisch 0 VDC hinunter zu regeln. Auf diesem Hintergrund arbeitet jede Verstärkerschaltung die mittels Opamps realisiert ist. Was bei dieser Betrachtung unberücksichtigt bleibt, ist die DC-Offsetspannung des Opamp.

    Ue ist im Beispiel in Bild 1 auf 1 VDC eingestellt. Extrem betrachtet und gemessen mit einem hochauflösenden digitalen Voltmeter, wird man feststellen, dass Ua geringstfügig grösser ist als Uv bzw. Ue, wenn Rx an Uv und nicht an Ua angeschlossen ist, weil die Verbindung vom Ausgang zum invertierenden Eingang halt nicht exakt Null Ohm ist. Diese verlustbehaftete Verbindung ist mit Rv (Verlustwiderstand) gekennzeichnet. Uv entspricht Ue und Ua addiert sich aus Uv plus dem Spannungsabfall über Rv. Damit lernen wir mit Teilbild 1.2 etwas Neues: Der Opamp führt den eben genannten Regelprozess auch dann aus, wenn zwischen seinem Ausgang und dem Verbraucher (Rx), wo die Gegenkopplung ansetzt, eine verlustbehaftete Leitung liegt. Ud bleibt auch so 0 VDC und die Spannung Uv bleibt unverändert. Genau nach diesem Prinzip arbeitet, nebenbei erwähnt, eine hochstabile geregelte DC-Spannungsquelle, wenn die Gegenkopplung nicht am Ausgang des Netzteiles, sondern direkt am Verbraucher ansetzt. Solche Netzteile haben für eine solche Feedbackmethode zusätzlich spezielle Sense-Anschlüsse.

    Mit dieser Betrachtung befinden wir uns auf dem Weg zum nichtinvertierenden Verstärker in Teilbild 1.3 und da sehen wir im Prinzip das selbe Schaltbild wie in Teilbild 1.2. Der einzige Unterschied besteht darin, dass aus Rv und Rx, R2 und R1 wurde. Mit R2 = 22 k-Ohm und R1 = 10 k-Ohm wird Ue = 1 VDC auf Ua = 3.2 VDC verstärkt. Die Berechnung erfolgt nach angegebener Formel. Auch hier gilt, dass Ud = 0 VDC, unabhängig davon wie stark man R1 oder/und R2 verändert. Die Summe von R2 und R1 darf nur nicht so stark unterschritten werden, dass der Strom bei entsprechender Ausgangsspannung Ua zu gross wird. Das ist je nach Typ des Opamp sehr unterschiedlich. Mehr Information dazu liefert das entsprechende Datenblatt. Man muss natürlich auch noch darauf achten, dass die Ausgangsspannung Ua im zulässigen Bereich liegt, der von der Betriebsspannung diktiert wird. Nur innerhalb dieses Bereiches kann Ud = 0 VDC erfüllt werden.

    Was genau haben wir bis jetzt gelernt? Wir lernten, dass die virtuelle Spannung Uv praktisch identisch ist mit der nichtinvertierenden Eingangsspannung Ue und dass dies davon kommt, dass eine verstärkte Ausgangsspannung (Verstärkung definiert durch das Gegenkopplungsnetzwerk R2/R1) durch die extrem hohe Leerlaufverstärkung dividiert werden muss, um zu verstehen warum Ue und Uv beinahe identisch sind, d.h. Ud praktisch 0 VDC ist.

    Beim idealen Opamp wäre diese Leerlaufverstärkung unendlich hoch und darum wäre dann Ud exakt 0 VDC und deshalb auch Uv exakt Ue, bei welcher mit R2/R1 definierten Verstärkung auch immer. Das Kuriose dabei wäre, dass man den invertierenden und nichtinvertierenden Eingang kurzschliessen könnte und dies sogar mit einem supraleitenden Draht, und der ideale Opamp würde noch immer einwandfrei verstärken. Ja warum auch nicht, Null Volt bleibt Null Volt und diese Spannung dividiert durch Null Ohm...



    Betrachtungen mit einem Leistungs-Opamp

    Wir betrachten hier die Situation mit Uv bei der Anwendung eines Leistungs-Opamp. Ich verwendete vor sehr langer Zeit den LM12 für den Bau einer Audio-Leistungsendstufe. Es kann aber ebenso gut ein gewöhnlicher Opamp sein, der mit einer diskreten komplementären Transistorstufe erweitert ist und die Gegenkopplung über die ganze Schaltung wirkt. Eine solche Schaltung ist in (4) beschrieben. Diese Leistungsverstärkerstufe nennen wir POA für Power-Operational-Amplifier, bzw. Power-Opamp.

    Teilbild 2.1 ähnelt Teilbild 1.2 mit Rx an Uv angeschlossen. Rv ist auch hier der Verlustwiderstand der Leitung zwischen Ausgang Ua' des POA und der Last an Ua. Als realistischer Wert setzen wir 10 m-Ohm ein. Irgendwie befremdet es, dass der Lastwiderstand RL, hier mit einem Widerstand von 5 Ohm, an der virtuellen Spannung Uv angeschlossen ist. So was schliesst man doch am Ausgang des POA an. Welch eine verkehrte Welt der Elektronik! Es sollte einem aber stutzig machen, wenn man etwas genauer hinsieht. Rv hat einen Wert von nur 10 Milli-Ohm und die Bezeichnung Ua ist identisch mit Uv und dort wo normalerweise Ua ist, ist Ua' gezeichnet und die Spannung an Ua' ist um den Wert des Spannungsabfalles über Rv geringfügig höher. Man beobachte auch den Weg des Laststromes, hier 1 A.

    Wir kommen zu Teilbild 2.2, wobei diese Schaltung exakt identisch ist mit der in Teilbild 2.1. Der Unterschied besteht bloss darin, dass die Schaltung in Teilbild 2.2 so gezeichnet ist, dass sie keine Verwirrung mehr anstiftet. Die Welt der Elektronik ist damit wieder in Ordnung. Nun sie ist es eigentlich auch mit Teilbild 2.1, aber Teilbild 2.2 ist anschaulicher und es leuchtet sofort ein, was mit Rv mit dem sehr niedrigen Ohmwert gemeint sein könnte. Es ist der Verlustwiderstand der Leitung zwischen dem Ausgang POA Ua' und der Last, angeschlossen an Ua. Die Gegenkopplung wird nach dieser verlustbehafteten Zuleitung in der Nähe des Verbrauchers RL vorgenommen und so garantiert man an Ua eine besonders lastunabhängige konstante Spannung, weil Uv mit Ue schliesslich (fast) identisch sein muss, und Uv = Ua, weil die Verstärkung durch maximale Gegenkopplung 1 (0 dB) ist. Hier ist die virtuelle Spannung Uv, bedingt durch die hohe Stromfähigkeit der Endstufe des POA, auch bei höheren Strömen praktisch 0 V. Aber man denke bitte daran, dass dies nur deshalb so ist, weil der Opamp die Regelarbeit dafür leistet!

    Teilbild 2.3 erweitert die Schaltung von Teilbild 2.2 in einen Leistungsverstärker mit einer nichtinvertierenden Verstärkung von 5, gegeben durch das Gegenkopplungsnetzwerk von R2/R3. Us ist die sogenannte Sensorspannung, bei der die Gegenkopplung direkt an den Verbraucher geschaltet wird. R1, mit einem sehr viel kleineren Widerstand als R2 oder R3, dient einzig dazu, dass die geregelte Spannung an Ua einigermassen aufrechterhalten wird, wenn der Verbraucher RL (noch) nicht auch an Us angeschlossen ist. Diode D schützt R1 vor zu hoher Leistung, wenn Ua zuerst und danach Us im Betriebszustand getrennt wird, in dem die Spannung über R1 durch D begrenzt wird. Genau mit solchen Methoden arbeitet man beim Entwurf hochwertiger und hochpräziser analoger Netzteile und Netzgeräte. Man denkt bei solch einer Schutzmassnahme auch ein wenig in der Richtung, dass der Anwender nicht immer so ganz seriös mit der Schaltung umgeht, wie es eigentlich sein sollte. Betriebsanleitungen werden oft erst dann gelesen, wenn die ersten Rauchzeichen aufsteigen.

    Kommen wir zurück zur virtuellen Spannung Uv. Welchen Wert die Verstärkung, definiert mit R2/R3 auch hat, Uv bleibt konstant auf dem Wert von Ue. Es gelten auch hier ganz genau die selben Betrachtungen betreffs extrem hoher Leerlaufverstärkung, wie bereits gehabt. Aber da wir es hier mit hohen Strömen zu tun haben, sei noch darauf hingewiesen, dass der GND von RL so mit dem GND der Spannungsquelle Ue verbunden sein muss, dass über diese GND-Leitung kein Last-Teilstrom fliesst, denn sonst entsteht eine sogenannte GND-Rückkopplung (GND-Loop) die leicht zu Instabilität und zu Schwingungen führt. Man beachte den Strompfeil mit der Angabe von 1 Ampere (1A) als Beispiel. Dies ist ein alt bekanntes Problem beim Bau von analogen Netzteilen und anderen analogen Last-Regelschaltungen. Man beachte die GND-Verbindung zwischen Ue und Anschluss von RL. So ist diese GND-Leitung bestimmt laststromfrei.



    Die virtuelle Spannung vom Impedanzwandler bis zum
    Verstärker bei der invertierenden Verstärkerschaltung

    Teilbild 3.1 zeigt wiederum den typischen Impedanzwandler mit Verstärkung 1, wie er in Teilbild 1.1 abgebildet ist. Der einzige Unterschied besteht in Teilbild 3.1 darin, dass der nichtinvertierende Eingang mit GND verbunden ist. Wir wissen jetzt auch, dass die virtuelle Spannung Uv praktisch dem GND-Pegel entspricht, weshalb man in diesem Fall Uv auch als virtuelle Masse oder virtuellen GND bezeichnet. Dass die Schaltung in Teilbild 3.1 kaum einen Nutzen hat, leuchtet ein. Sie dient auch nur zur Anschauung für den nächsten Schritt in Teilbild 2.2, der typischen invertierenden Verstärkerschaltung. Wir wissen, solange der Regelprozess des Opamp bezüglich Spannung und Strom am Ausgang Ua nicht überfordert wird, hat die virtuelle Spannung Uv oder hier der virtuelle GND einen Quellwiderstrand von praktisch 0 Ohm.

    Das ist genau so bei der invertierenden Verstärkerschaltung in Teilbild 3.2 und diese Tatsache bestimmt, dass der Eingangswiderstand an Ue exakt dem Wert von R1 entspricht. Das kommt beinahe auf das selbe heraus, als ob Ue über R1 direkt mit GND verbunden ist, wie dies Teilbild 3.2a illustriert.

    Teilbild 3.3 erweitert Teilbild 3.2 mit einem Experiment. Zu diesem Zweck ist das Potmeter P zwischen der virtuellen Spannung Uv und GND geschaltet. Mit R2/R1 ergibt sich zwischen Ue und Ua eine Verstärkung von -1. Wir wählen in diesem Experiment für R1 und R2, aber auch für P, den selben Widerstandswert von je 10 k-Ohm. Wir geben auf Ue eine Spannung von 1 VDC und am Ausgang Ua erscheint eine Spannung von -1 VDC, weil R1 = R2 und Uv = 0 VDC. Ua verändert wegen P = 10 k-Ohm seinen Wert von -1 VDC nicht. Warum auch, denn durch P fliesst schliesslich praktisch kein Strom weil Uv praktisch 0 VDC ist. Diese -1 VDC an Ua bleiben aber auch, wenn wir an P drehen und den Wert auf z.B. 1 k-Ohm oder weiter reduzieren. Naja, warum denn auch nicht, denn wenn durch P kein Strom fliesst, weil Ud praktisch 0 VDC ist, ändert sich auch nichts an Ua. Also dann drehen wir den Wert von P weiter zurück und unterhalb eines bestimmten Wertes, der weit unter 100 Ohm liegen kann, bemerken wir, dass sich die Spannung an Ua signifikant verändert. Wenn der Wert von P drastisch reduziert wird, arbeitet der Opamp mit einer sehr hohen Verstärkung, die durch die Gegenkopplung R2/P bestimmt wird. Die Verstärkung zwischen Ue und Ua bleibt mit -1 stets gleich gross. Ist P sehr klein - man muss dann zwecks vernünftiger Einstellbarkeit ein Potmeter mit einem niedrigeren Widerstandswert benutzen -, wird die opamp-interne äquivalente DC-Eingangs-Offsetspannung drastisch verstärkt. Unterhalb eines kritischen Wertes von P gelangt Ua in die positive oder negative Spannungsbegrenzung, die durch die Betriebsspannung verursacht wird. Dies ist ganz bestimmt der Fall wenn Ud kurzgeschlossen ist. Bevor Ua jedoch in die positive oder negative Spannungsbegrenzung getrieben wird, beobachten wir noch etwas anderes, wenn wir beim Oszilloskopen genau hinschauen. Wir bemerken, dass der DC-Spannung Ua auch noch eine Rauschspannung überlagert ist. Dies kommt ebenfalls von der sehr hohen Verstärkung durch R2/P, denn diese verstärkt die opamp-eigene äquivalente Eingangsrauschspannung.

    Dieser "Nebenschauplatz" mit der DC-Offsetspannung lenkt aber vom wirklichen Grund ab zu verstehen warum die Schaltung nicht funktionieren kann, wenn der virtuelle GND mit dem echten GND kurzgeschlossen wird. Der ganz einfache Grund ist schlichtweg der, dass Ud nicht ganz Null sein kann, weil die Leerlaufstromverstärkung zwar sehr hoch, jedoch endlich ist. Es ist aber diese extrem hohe Leerlaufverstärkung, welche beinahe 0 VDC auf den invertierenden Eingang des Opamp regelt und so der virtuelle GND von beinahe 0 VDC aufrecht erhält. Diese extrem geringe Spannung schliessen wir kurz, wenn der Kurzschluss-Widerstand sehr niederohmig ist, die Regelung bricht dann ab, weil am invertierenden Eingang auch die allerkleinste Spannung nicht variieren kann. Der Opamp kann so seine regelnde und verstärkende Aufgabe nicht mehr erfüllen.

    An diesem Punkt der Diskussion könnte der "brilliante" Theoretiker einwenden, dass der ideale Opamp mit einer unendlich hohen Leerlaufverstärkung funktionieren müsste, wenn Ud kurzgeschlossen würde. Kurzschliessen, würde hier aber nur gelten, wenn der Kurzschlusswiderstand echt 0 Ohm hätte. Ein supraleitender Kupferdraht bei wenigen Grad Kelvin, zum Beispiel. Tja, wenn aber Ud wegen der unendlich hohen Leerlaufverstärkung echt 0 VDC beträgt, wie kann dann durch den echten Null-Ohm-Widerstand ein Kurzschlussstrom fliessen der dazu fähig sein soll den Regelungsprozess, der den virtuellen GND mit absolut 0 VDC erzeugt, zu unterdrücken? Also weniger als 0 VDC? Daraus kann man schliessen, dass beim idealen Opamp der virtuelle und der echte GND identisch sind und ein echter Kurzschluss zwischen den beiden Opamp-Eingängen den Opamp in seiner verstärkenden Aufgabe nicht behindert, weil dies dasselbe wäre, wie wenn man zwischen zwei echten GNDs einen Kurzschluss herstellt...

    Des langen Philosophierens kurzer Sinn: Für den Elektronikpraktiker genügt es zu wissen, dass der virtuelle GND stets eine sehr kleine Spannung hat und darum ist der virtuelle GND mit dem echten GND niemals identisch. Um dies aber ein wenig besser zu verstehen, war der kurze Ausflug in die Totalverwirrung schon sinnvoll, denn es gilt auch hier im übertragenen Sinne der weise Spruch des Atomphysiker Niels Bohr (1885-1962): "Wer über Quantenmechanik nachdenken kann, ohne wirr zu werden im Kopf, hat sie nie wirklich verstanden." Und verstehen wollen wir doch alle wie der Opamp funktioniert, oder?

    Jedermann weiss, dass die Null in den Römischen Zahlen nicht existiert. Nun, es gibt Gelehrte die entedekt haben sollen, dass in der vedischen Kultur im alten Indien diese Null bekannt war und man damit umgehen konnte. Dass die Null nach dem Transfer über die schon damals bekannte "Seidenstrasse" in den Vorderen Orient bald einmal verloren ging oder besser gesagt, vermutlich verdrängt worden ist, hatte ihre Ursache wahrscheinlich darin, dass diesen Völkern die Null und das Unendliche zu ominös waren. Sie waren damit überfordert. So jedenfalls lautet die Meinung derer, die bei Ausgrabungen alter vedischen Kulturstätten in Sanskrittexten die Zahl Null entdeckt haben. Wer weiss, vielleicht hat uns diese alte Kultur noch heute mehr zu sagen, als die Zahl Null die sie uns vererbte, aber das ist ein ganz anderes Thema. Ich beende hiermit das Thema über die virtuelle Spannung bzw. virtuelle Masse von idealen und realen Opamps, über das Unendliche und über die Null. Wir verlassen den kurzen "virtuellen" Ausflug in die urferne Vergangenheit der vedischen Hochkultur und landen gleich wieder in der harten Opamp-Alltagsrealität und befassen uns mit dem Einschwingverhalten.



    Das Einschwingverhalten

    Dieses Thema wird bereits in Operationsverstärker I angedeutet. Es wird dort erklärt, dass es wegen solchem Einschwingverhalten und der damit involvierten Signalverzögerung nicht möglich ist, dass die Differenzspannung Ud schon in dieser Phase beinahe 0 VDC sein kann. Hier wird der Vorgang etwas ausführlicher behandelt.

    Bild 4 zeigt das skizzierte Einschwingverhalten bei einer kleinen Ausgangsamplitude Ua (Output-Voltage-Swing) von etwa 100 mV beim LF356, der eine minimale Verstärkung von +1 (0 dB), und beim LF357, der eine minimale Verstärkung von +5 (14 dB) zulässt. Diese beiden Minimalverstärkungen gelten auch für die beiden Diagramme in Teilbild 4.21, die jeweils zeitgedehnte Darstellungen von Ua aus dem Teilbild 4.2 sind. Angeregt werden solche Einschwingvorgänge stets von steilen Impulsflanken am Eingang Ue. Es gilt hier die nichtinvertierende Verstärkerschaltung, wie sie in Teilbild 4.1 dargestellt ist.

    Die zeitliche Verzögerung t von Ua gegenüber Ue ist in beiden Diagrammen in Teilbild 4.21 etwa gleich gross. Dies kommt daher, dass beim LF357 die Unity-Gain-Bandbreite etwa gut 4 mal so gross ist wie beim LF356, jedoch die Verstärkung +5 statt +1 beträgt. Das heisst, in beiden Fällen ist die Grenzfrequenz und damit auch die Impulsverzögerung t etwa gleich gross. Das Diagramm mit dem LF356 zeigt ein schwaches Überschwingen (Overshooting), das unmissverständlich daraufhinweist, dass die Schaltung mit der minimal zulässigen Verstärkung von +1 leicht kritisch ist. Das Diagramm mit dem LF357 zeigt, dass dieser Opamp bei seiner minimal zulässigen Verstärkung von +5 noch sehr stabil arbeitet, d.h. überhaupt keine Anzeichen von Oszillation bei "Reizung" durch steile Impulsflanken sich bemerkbar machen. Im Datenblatt dieser beiden Opamps gibt es Fotos die dies etwas realistischer illustrieren. Diese beiden Fotos haben den Titel: LF156 Small Signal Pulse Response, Av=+1 und LF157 Small Signal Pulse Response, Av=+5. Der LF356 ist mit dem LF156 und der LF357 mit dem LF157 betreffs Wechselspannungseigenschaften (AC-Eelctrical Characteristics) identisch.

    Es gibt ausser diesen beiden Diagrammen, für grosse Ausgangssignale noch zwei andere. Diese nennen sich LF156 Large Signal Pulse Response, Av=+1 und LF157 Large Signal Pulse Response, Av=+5. Hier wirkt nicht die Unity-Gain-Bandbreite, sondern die Slewrate massgebend für die Verzögerung. Dieser Limit tritt vorallem bei grossen Ausgangsspannungen, in der Grössenordnungen von einigen V bis zur Maximalamplitude, begrenzt durch die Betriebsspannung, in Erscheinung. Um dies alles genau zu studieren, muss man sich das Datenblatt des LF356 und LF357 - das ist oft nur ein Datenblatt - von National Semiconductor Corporation zu besorgen.

    Bild 5 zeigt am Beispiel der nichtinvertierenden Verstärkerschaltung mit Verstärkung 1 (Impedanzwandler), wie sich die differenzielle Eingangsspannung Ud im Augenblick einer steilen Impulsflanke an Ue bemerkbar macht. In Bild 4 kam die fallende und hier in Bild 5 kommt die steigende Impulsflanke an Ue zum Einsatz.

    Es empfiehlt sich solches selbst mit einem Oszilloskopen zu testen. Damit es mit einem einfachen nichtspeichernden Oszilloskopen möglich ist, muss die Impulsperiode an Ue der Impulsverzögerung zwischen Ue und Ua etwa angepasst sein. Beim Test eines LF356, sollte die Impulsfrequenz (zeitsymmetrisches Rechtecksignal, Tastverhältnis ca. 0.5) mindestens einige 100 kHz betragen. Ud kann man messen, in dem man an Kanal A (Oszilloskop) das Signal von Ue und an Kanal B das Signal von Ua anschliesst. Falls das Oszilloskop die Eigenschaft hat zwei Eingangssignale zu subtrahieren, lässt sich auf dem Kanal A oder Kanal B Ud messen, weil Ud die Subtraktion von Ue und Ua (Ua = Uv) ist. Es wird hier mit einem Beispiel der Impulsamplitude von 1 V gearbeitet. Man kann natürlich auch mit andern Werten experimentieren und so durch Beobachtung am Bildschirm erfahren, ab welcher Impulsamplitude nicht mehr die Unity-Gain-Bandbreite sondern die Slewrate als Geschwindigkeitsbegrenzer agiert. Man verleiche dazu die weiter oben angedeuteten Bilder im LF356-Datenblatt. Viel Spass beim lebendigen Experimentieren!



    Links


    Thomas Schaerer, 30.12.2004 ; 06.12.2005 ; 08.08.2007

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