Handy-TV / Mobile TV in Deutschland

Handy-TV oder Mobile-TV ist der Empfang von Fernseh- und Radio-Inhalten auf dem Handy. Dafür gibt es ein eigenständiges digitales Rundfunknetz, dessen Technik die Einschränkungen von mobilen Geräten berücksichtigt. Dabei kommt der Rundfunk nicht mit dem Mobilfunk in Berührung.
Rundfunksender und Mobilfunknetzbetreiber wollen mit Handy-TV junge Zielgruppen erreichen, die kein oder kaum noch stationäres Fernsehen konsumieren. Deren Medium ist das Internet und das Handy. Handy-TV bzw. Mobile-TV soll speziell auf diese Zielgruppen ausgerichtet sein.

Handy-TV mit Rückkanal

Doch Fernsehen auf dem Handy ist eben nicht so wie Fernsehen vor dem normalen Fernseher. Der zuverlässige Empfang von hohen Datenraten durch kleine Geräte in ihrer typischen Nutzungsumgebung ist eine technische Herausforderung. Fernsehen auf kleinen Geräten erfordert besondere technische Maßnahmen:

  • geringe Akkuleistung erfordert eine Leistungsaufnahme von weniger als 100 mW
  • höhere Störfestigkeit wegen erschwerter Bedingungen
  • typische Auflösung von 320 x 240 Bildpunkten (QVGA) oder 352 x 288 Bildpunkten (CIF)
  • Verzicht auf eine externe Antenne
  • geringe Datenrate bis zu 300 kBit/s

Sendungen mit wenig Bewegung erscheinen gestochen scharf auf dem Display. Nur ein leichtes Ruckeln ist zu bemerken. Doch bei Sendungen mit viel Bewegung, zum Beispiel Fußball oder Tennis, macht sich die geringe Bildrate von 15 Bildern in der Sekunden negativ bemerkbar.
Auf dem kleinen Display gehen Details unter oder sind nicht mehr darstellbar. Das typische Szenario eines Fußball-schauenden Fans ist eher ein Witz. Die Sicht des Fußballfeldes aus der Totalen (von der Tribüne auf das Spielfeld) lässt Spieler und Ball kaum erkennen. Nur in Zeitlupen- und Großeinstellungen kann man den Ball wahrnehmen. Außerdem reicht für schnelle Bewegungen die Datenrate nicht aus. Die Videokomprimierung mit ihren klötzchenartigen Artefakten macht sich dann bemerkbar. Spiegelnde Displays und starke Sonneneinstrahlung stören im Freien.
Deshalb benötigt nicht nur die Technik, sondern auch die Inhalte eine Anpassung. Die Inhalte müssen speziell für den kleinen Bildschirm und die sich geänderten Nutzungssituationen angepasst werden. Für die Erstellung von Video-Inhalten für Handys gelten folgende Grundregeln:

  • Groß- und Detailaufnahmen
  • langsamere Kameraschwenks
  • kürzere Beiträge
  • Programme und Sendungen im Minutentakt

Games, kurze News, Shows, Entertainment, Downloads und Shopping unter Ausnutzung der Interaktionsmöglichkeiten gelten als zukünftige Inhalte für Handy-TV. Gerade der Rückkanal durch die Mobilfunktechnik gilt als die Stärke von Handy-TV. Doch für die Interaktion gibt es keine Standards. Deshalb müssen die Inhalte-Anbieter auf Eigenentwicklung setzen, die sehr zeit- und kostenaufwändig sind.

Übersicht über die Standards und Techniken im Bereich Handy-TV

  • DVB-H - Digital Video Broadcast for Handheld
  • DMB - Digital Multimedia Broadcast
  • MBMS - Multimedia Broadcast Multicast Service
  • IMB - Integrated Mobile Broadcast
  • ATSC-M/H - Advanced Television Systems Committee Mobile/Handheld
  • MediaFLO
  • Streaming mit UMTS

Im Zuge des Hypes "Handy-TV / Mobile TV" wurden sehr schnell mehrere konkurrierende Standards aus dem Boden gestampft. Diese Handy-TV-Standards sind so ausgelegt, dass sie die geringe Bildgröße und geringe Akkulaufzeit der Endgeräte berücksichtigen.

DVB-H - Digital Video Broadcast for Handheld

DVB-H ist ein Standard für eine Übertragungstechnik von Fernseh- und Radio-Inhalten. DVB-H nutzt die gleichen Frequenzen wie DVB-T. Die Datenströme von DVB-H und DVB-T können gleichzeitig parallel in einem Übertragungskanal gesendet werden. Da in Deutschland bereits DVB-T in Betrieb ist, bietet es sich an DVB-H für Handy-TV zu nutzen. Speziell für den mobilen Einsatz mit Akku-betriebenen Geräten wird eine verbesserte Fehlerkorrektur und das Zeitschlitzverfahren (Time-slicing) eingesetzt.
In DVB-H werden alle Dienste per Internet Protocol (IP) übertragen. IP-Datacast ermöglicht es in DVB-H den Mobilfunk, wie zum Beispiel GPRS und UMTS, als Rückkanal (Upstream) für interaktive Dienste zu integrieren.

DMB - Digital Multimedia Broadcast

DMB ist ein Standard für eine Übertragungstechnik von Fernseh- und Radio-Inhalte, den es in Südkorea seit 2005 gibt. DMB ist eine Weiterentwicklung von DAB (Digitalradio-Standard aus Deutschland) und vom ETSI standardisiert. In Deutschland hat das Unternehmen "Mobiles Fernsehen Deutschland (MFD)" Handy-TV mit DMB vorangetrieben. Doch in Europa wird eher DVB-H als Übertragungstechnik für Handy-TV bevorzugt.

MBMS - Multimedia Broadcast Multicast Service

MBMS (Multimedia Broadcast and Multicast Service) wurde 2004 vom 3GPP spezifiziert, um Audio- und Video-Daten in UMTS-Netzen zu streamen. Da UMTS für Broadcast-Anwendungen nicht geeignet ist, führt MBMS Punkt-zu-Mehrpunkt-Kanäle innerhalb einer Mobilfunkzelle ein, um mehrere Nutzer gleichzeitig mit einem 128-kBit/s-Videostream zu versorgen.

IMB - Integrated Mobile Broadcast

IMB ist ein Standard von 3GPP und dem Interessenverband GSM Association (GSMA). Dieser Standard ermöglicht eine vergleichsweise leichte Umsetzung von mobilen Daten- und Broadcast-Angeboten, wie zum Beispiel mobiles Fernsehen. Die Übertragung erfolgt im Frequenzbereich um 1,9 GHz, für das viele Netzbetreiber eine Lizenz haben.

ATSC-M/H - Advanced Television Systems Committee Mobile/Handheld

Neben DVB-H und DMB gibt es den Standard ATSC-M/H vom nordamerikanische Advanced Television Systems Committee (ATSC). Es ist zum terrestrischen Standard für Digital-TV ATSC kompatibel, das in Nordamerika verbreitet ist.
ATSC-M/H wird im selben Frequenzbereich wie auch die terrestrischen Dienste übertragen. Neben der herkömmlichen Übertragung von Fernsehbildern ist auch ein Rückkanal für interaktive Dienste integriert. Unter anderem ist auch der Abruf von Videos nach Video-on-Demand vorgesehen.

MediaFLO

MediaFLO (Media Forward Link Only) ist ein Rundfunkverfahren für das Mobilfunknetz und wurde von Qualcomm entwickelt. Die Technik ermöglicht den Versand von TV- und Videosignalen über Mobilfunknetze mit CDMA-Mobilfunktechnik. Sie wird beispielsweise in den USA von verschiedenen Netzbetreibern eingesetzt. Damit nicht jeder Netzbetreiber ein eigenes Handy-TV-Netz aufbauen muss, hat Qualcomm ein eigenes Mobilfunknetz im 700-MHz-Spektrum aufgebaut, welches die Netzbetreiber mieten können.

Streaming mit UMTS

Neben Mobile Broadcast mit DVB-H oder DMB gibt es das Streaming mit Unicast. Dem einseitigen Abruf von Musik und Videos über Breitband-Mobilfunktechnik, wie zum Beispiel UMTS. Diese Technik wird von den Mobilfunkanbietern in Deutschland schon angeboten. Es handelt sich dabei aber um kein echtes Handy-TV, sondern nur um Audio- und Video-Streaming. Für Handy-TV ist UMTS aber nicht geeignet. UMTS ist für die individuelle Sprach- und Datenkommunikation entwickelt worden. Die Technik ist überfordert, wenn die Nutzerzahlen steigen oder wenn eine bessere Bildqualität gewünscht ist. Das Mobilfunknetz kann das dann anfallende Datenaufkommen nicht mehr bewältigen.
Handy-TV via UMTS ist alles andere als praktikabel. Das Bild neigt zu Blockbildung, was an der starken Komprimierung liegt. Man erkennt dann kaum etwas auf dem Display. Die Sprachqualität ist zwar akzeptabel, aber bei Musik gibt es Aussetzer und bei schnellen Bildwechseln ruckelt es.

Warum Handy-TV ein Flop wurde

Handy-TV bringt einige Besonderheiten mit sich. Ein direkter Vergleich mit dem normalen Fernsehen ist deshalb nicht möglich.
Der Versuch Fernsehen aufs Handy zu bekommen ist ungefähr das gleiche, wie wenn man einen gedruckten Flyer als PDF zum Download ins Internet stellt. Statt die Inhalte direkt auf der Webseite anzuzeigen, ist der Download des Flyers eher eine Notlösung. Genauso ist es beim Handy-TV bzw. Mobile-TV. Die Mobilfunkbetreiber und TV-Sender haben sehr schnell festgestellt, dass das Medienformat TV sich nur bedingt fürs Handy eignet. Für den kleinen Bildschirm braucht es speziell bearbeitetes Videomaterial. Tendenziell muss es mehr detaillierte Ausschnitte geben. In mobilen Sendungen müssen Nah- und Großaufnahmen dominieren. Der Video-Produzent muss sich also schon vorher Gedanken machen, wie das Material nachher genutzt und weiterverarbeitet wird.

Handy-TV ist auch für den Nutzer schwierig und gewöhnungsbedürftig. Auch wenn es viele Vorteile geben mag. Fernsehen am Handy ist unkomfortabel. Und auch die Anbieter haben ein Problem. Neue Hauptsendezeiten entstehen, etwa zu Berufsverkehrszeiten in den Morgen- bzw. Abendstunden. zu diesen Zeiten existieren jedoch keine Inhalte für die entsprechenden Zielgruppen.
Außerdem sind die bevorzugten Orte für den Fernseh-Konsum zuhause und zur Entspannung. Mobile-TV ist etwas bei Warte- und Fahrtzeiten. Generell ist die Nutzung immer nur kurz, dafür mehrmals täglich oder mehrmals wöchentlich. Eben eine typische Gelegenheitsnutzung.

Neben Technik-Freaks und jungen Leuten gehören vielleicht noch Nachtwächter, Taxifahrer und Pförtner zur Zielgruppe. Die Anzahl der Nutzer ist demnach nicht besonders groß und auch nur begrenzt zahlungskräftig. Handy-TV ist ein Nischenprodukt, das hohe Investitions- und Betriebskosten verursacht. Ein lukratives Geschäftsmodell sieht anders aus.
Konsequenterweise wurden alle Handy-TV-Projekte in Deutschland eingestellt oder gar nicht erst begonnen. Handy-TV ist in Deutschland praktisch Tod.

Übersicht der Handy-TV-Techniken

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