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Gegentakt-Endstufe ohne Ruhestrom:
Die praktische und verzerrungsarme Anwendung



  • Das Inhaltsverzeichnis meiner Elektronik-Minikurse

  • Die Philosophie meiner Elektronik-Minikurse
        (WICHTIG: Unbedingt zur Kenntnis nehmen!)

  • Hilfe bei Leserfragen.
        (WICHTIG: Unbedingt zur Kenntnis nehmen!)

  • Simulieren und Experimentieren, ein Vorwort von Jochen Zilg

  • Autor:   Thomas Schaerer         Buch 1 Buch 2



  • Einleitung

    Für das Verständnis dieses anwendungsbezogenen Elektronik-Minikurses, ist das Studium des einleitenden Voraussetzung. Hier der Link:

    Praktische Schaltung einer Audio-Endstufe ohne Ruhestrom

    Anstelle des LF356, wie im Theorieteil thematisiert, wird hier ein NE5534 verwendet. Dieser Opamp ist nicht weniger legendär. Er glänzt bis heute vor allem im Audiobereich. Einerseits hat er eine sehr niedrige äquivalente Eingangs-Rauschspannung (geeignet für Mikrophon-Vorverstärker) und er hat eine exzellente Treiberfähigkeit. Bei einer Betriebsspannung von ±15 VDC kann er eine Last von 600 Ohm bis auf ± 10 V ohne Amplitudenbegrenzung aussteuern. Gerade diese Eigenschaft kommt der vorliegenden Anwendung zugute. Die Unity-Gain-Bandbreite mit 10 MHz und die Slewrate von 6V/µs des NE5534 sind gross genug. Die HIFI-Anforderungen werden in der folgenden Anwendung mehr als erfüllt.

    Dem aufmerksamen Leser fällt auf, dass in der Endstufe in Bild 5 R3 hinzugekommen ist. Einer dieser aufmerksamen Leser gab mir den Tipp ein paar Worte dazu zuschreiben. Ich hole dies an dieser Stelle nach: Im theoretischen Teil fehlt R3 in Bild 4b. Bild 4b zeigt, wie die Übernahmeverzerrung durch die starke Gegenkopplung praktisch verschwindet. Es wird an dieser Stelle allerdings auch darauf hingewiesen, dass die Unterdrückung der Übernahmeverzerrung frequenzabhängig ist. Je schneller der Opamp die Basis-Emitter-Schwellenspannungen der beiden Endstufentransistoren durchlaufen kann, um so geringer wirkt sich die Übernahmeverzerrung bei höheren Signalfrequenzen aus. R3 unterstützt den Opamp in dieser Arbeit. Nämlich solange der Laststrom am Ausgang (Lautsprecher) sehr gering ist, fliesst durch R3 der dazu notwendige Strom. Erst dann wenn der Laststrom soweit ansteigt - z.B. bei einer Sinusspannung -, dass der Spannungsabfall an R3 die Basis-Emitter-Schwellenspannung einer der beiden Endstufentransistoren (je nach Polarität) erreicht, fliesst in T1 oder T2 ein Basisstrom. Damit übernimmt der Transistor jeden weiteren Stromanstieg. Der Strom in R3 bleibt konstant. R3 ist nicht unwichtig, denn z.B. bei ganz leiser Musik kann es sein, dass er zur Stromleitung einen erheblichen Beitrag leistet und damit wird der Klirrfaktor zusätzlich wesentlich unterdrückt.

    Das Eingangs-Tiefpassfilter aus R1 und C1, mit seiner Grenzfrequenz von etwa 100 kHz, verhindert die Einkopplung allfällig hoher Feldstärken von AM-Radiosendern, falls die Zuleitung sehr lang ist und als Empfangsantenne wirken könnte. In diesem Fall würde die Eingangsstufe des Opamp als AM-Demodulator wirken und man hätte unerwünschten Radioempfang. Der NE5534 ist intern frequenzgangkompensiert, jedoch nicht vollständig bis hinunter zu sehr geringer Verstärkung. Daher das zusätzliche Kompensationsnetzwerk aus R2 und C2. Diese Verstärkerschaltung ist erbrobt. Sie arbeitet in doppelter Ausführung (Stereo) seit mitte der 1980er-Jahren in aktiven Küchenlautsprecherboxen, gesteuert von der HIFI-Anlage meines Wohnzimmers.


    Warum zwei Betriebsspannungen?

    Es gibt zwei unterschiedliche symmetrische Betriebsspannungen. Eine stabilisierte elektronisch geregelte DC-Spannung von ± 15 VDC für den Opamp und eine unstabilisierte von etwa ± 12 VDC für die Endstufe, bestehend aus T1 und T2. Selbstverständlich könnte man auch diese Endstufe mit der selben Spannung von ±15 VDC betreiben. Dies würde jedoch eine unnötige Verlustleistung an der Endstufe und an den beiden Spannungsreglern (Bild 6) verursachen und einen leistungsfähigeren Trafo voraussetzen (Bild 6). Es ist aber gar nicht nötig die Endstufe mit einer stabilen, geregelten Spannung zu betreiben. Die Spannungsregelung für die Lautsprecherspannung übernimmt ohnehin der Opamp und die Referenz dazu ist die Eingangsspannung NF-INP. Dazu kommt, dass die ausgangsseitige maximale verzerrungsarme Amplitudenaussteuerung, bei einer Betriebsspannung von ±15 VDC, bei maximal ±12 V liegt. Dies deshalb, weil der Opamp selbst nur bis etwa 2 V unterhalb der positiven und negativen Betriebspannung gesteuert werden kann und die Endstufentransistoren, als Emitterfolger arbeitend, die maximale Aussteuerung noch einmal um etwa ±1 V oder etwas mehr reduzieren.

    Also darf die Betriebsspannung der Endstufe auf jedenfall geringer sein. Dass man für die ungeregelte Spannung ±12 VDC vorsieht ist realistisch, weil dies wäre die Nennspannung, also dann wenn das Netzteil voll belastet ist. Dies ist aber bei Audio-Endverstärkern nie der Fall. Realität ist, dass die mittlere verbrauchte elektrische Leistung beim Lautsprecher sehr viel niedriger ist und die Nennleistung meist nur in den Augenblicken von Bässen dann herausgefordert wird, wenn beim Vorverstärker die Basseinstellung eine starke Anhebung aufweist. Weil dem so ist, ist die ungeregelte DC-Spannung von ± 12 VDC durchschnittlich höher. Unbelastet liegt die Sekundärspannung bei einem 25-VA-Trafo etwa 20% höher als bei der Nennlast. Bei nur geringer Belastung liegt die Spannung für die Endstufe bei etwa 13 bis 14 VDC. Mehr dazu im folgenden Abschnitt.



    Netzteil zur (Stereo-)Audioendstufe von Bild 5

    Dazu nehme man einen handelsüblichen Printtrafo mit einer Leistung von 25VA und einer doppelten Sekundärspannung von je 9 VAC oder 9.5 VAC, je nachdem was man "von der Stange" bekommt. Für die Speisung von zwei Endstufen (Stereobetrieb) gibt es eine simple ungeregelte duale Brückengleichrichter-Elko-Speisung, bestehend aus GL, C1 und C2. Für die geregelte Betriebsspannung von ±15 VDC mit den berühmten 7815 (VR1) und 7915 (VR2) braucht es eine symmetrisch aufgebaute Spannungsverdopplung, bestehend aus D1 bis D4 und C3 bis C6.



    Technische Daten

    Es gilt also, dass zwei Endverstärker (Bild 5) im Einsatz sind, welche vom Netzteil (Bild 6) gespiesen werden.

    
       Verstärkung:               3.13  (10 dB)  anpassungsfähig 
    
       Maximale Sinus-Leistung:   7 W            (nur ein Kanal im Einsatz) 
                                  6 W pro Kanal  (beide Kanäle im Einsatz) 
                                  (Last-Ersatzwiderstand 
                                   zur Messung = 8 Ohm)
    
       Lautsprecheranforderung:   je 10 Watt / 8 Ohm 
    
       Leistungsbandbreite:       100 Hz bis  15 kHz    (7W / 6W) 
                                   20 Hz bis  30 kHz    (6W / 5W) 
    
       Klirrfaktor bei je 4.5 Watt Sinusleistung an 8 Ohm: 
    
                                    0.23%    bei 100 Hz  
                                    0.14%    bei   1 kHz 
                                    0.06%    bei   5 kHz 
                                    0.05%    bei  10 kHz 
    


    Technische Daten im Visier...

    Dem aufmerksamen Leser fällt bei den technischen Daten auf, dass die Frequenzbandbreite bei nur einem Watt weniger drastisch besser ist. Die maximale Frequenz ergibt sich aus der Slewrate der gesamten Verstärkerschaltung. Oberhalb einer kritischen Frequenz und bei einer bestimmten Ausgangsspannung verzerrt sich der Sinus allmählich zu einem Dreieck. Wenn die Ausgangsspannung höher ist, setzt diese Verzerrung bei niedriger Frequenz ein.

    Warum verbessert sich noch drastischer die untere Grenzfrequenz von 100 Hz auf 20 Hz, wenn die Ausgangsleistung nicht auf die Spitze getrieben wird? Das kommt ganz einfach davon, wenn der Lautsprecherstrom bei sehr niedriger Audiofrequenz sehr hoch ist, dann kollidiert der ebenfalls hohe Scheitelwert der Spannung am Lautsprecher mit der Rippelspannung an den Ladeelkos C1 und C2 besonders kritisch und komplex. Die Form der Rippelspannung wird durch Überlagerung des niederfrequenten Audiostromes verzerrt und vergrössert wird. Dies führt erst recht zum Klippen der Scheitelwerte der Lautsprecherspannung, wobei es auch zur Interferenz zwischen der niedrigen Audiofrequenz und der 100-Hz-Rippelspannung der Ladelkos kommt. Bei höheren Audiofrequenzen, bei grosser Belastung, ist die Rippelspannung an den Ladeelkos geringer, weil die schnelleren Laststromänderungen durch die Ladeelkos integriert (ausgemittelt) werden.



    Das Boucherot-Glied
    Erster Leserbeitrag von Christian Heiling (Infineon)

    Ich möchte Dir einen kleinen Nachtrag zu Deinem Elektronik-Minikurs mit dem Titel Gegentakt-Endstufe ohne Ruhestrom: Die praktische und verzerrungsarme Anwendung vorschlagen. Darin ist nämlich das, meiner Meinung nach nicht ganz unwesentliche, R-C-Glied - bestehend aus R6 (47 Ohm) und C3 (22nF) - nicht dokumentiert.

    Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Boucherot-Glied, das seinen Namen dem gleichnamigen französischen Schaltungstechniker verdankt. Grundsätzlich dient es zu einer Art "Blindstromkompensation" indem es die positive Reaktanz, die in der Lautsprecherimpedanz (=induktiver Anteil) enthalten ist, durch die negative Reaktanz des RC-Gliedes kompensiert und damit einen reellen Abschluss der Verstärkerstufe erzeugt.

    Nachdem diese Art der Kompensation natürlich immer nur für eine einzige Frequenz gültig ist, in einem Audiosignal aber immer ein Frequenzspektrum vorliegt, gibt es kaum einen nachvollziehbaren mathematischen Hintergrund für die Dimensionierung des Boucherotgliedes. Vielmehr verlässt man sich dabei auf empirisch ermittelte Erfahrungswerte, wie es auch hier der Fall zu sein scheint.

    Typische Werte der Elemente liegen für R zwischen 10 und 100 Ohm und für C zwischen 10 und 100 nF. Diese Werte liefern eben für gängige Lautsprechertypen im Bereich der statistisch maximalen Lastverteilung gute Ergebnisse. Für qualitative sehr hochwertige Systeme werden ohnehin Mehrweglautsprechersysteme verwendet, bei denen man die Frequenzbereiche der einzelnen Lautsprecher enger eingrenzen kann als es hier möglich ist.

    Noch ein Hinweis für den Bastler:
    Wenn die Verstärkerstufe z.B. zur Messung der (Leistungs)Bandbreite nahe der oberen Grenzfrequenz (oder gar darüber - falls jemand nur die Endstufe alleine testen möchte und Vorverstärker und Begrenzerfilter weglässt) mit voller Amplitude betrieben wird, ist der kapazitive Widerstand (hier von C3) relativ gering und es kann unter Umständen vorkommen, dass der ohmsche Widerstand (hier R6) thermisch überlastet wird und "abbrennt". In diesem - im normalen Betriebszustand nicht auftretenden Sonderfall - ist die leistungsmässige Dimensionierung des vorliegenden Boucherotgliedes zu beachten, wenn man dichten Qualm im Labor vermeiden möchte.


    Das Boucherot-Glied
    Zweiter Leserbeitrag von Christian Heiling (Infineon)

    Dieser zusätzlicher Leserbeitrag von Christian Heiling (bezieht sich auf eine frühere Diskussion in den folgenden anklickbaren Newsgruppen des UseNet und Mausnet).

    In denen von Dir angegebenen Diskussionsforen...

    ...habe ich die Beiträge gelesen und bin zum Schluss gekommen, dass es dort Leser gibt, die sich mit dem mathematischen Hintergrund des Boucherotgliedes beschäftigen möchten. Aus diesem Grund ein weiterer Nachtrag meinerseits:

    Grundsätzlich werden 2 Behauptungen aufgestellt:

    1.   Ist man der Meinung, dass das Boucherotglied zur Unterdrückung von hochfrequenten Ausgangsspannungen dient. Das ist im allgemeinen zwar nicht sehr weit von der Wahrheit entfernt, trifft im konkreten Fall der Gegentaktendstufe aber eher weniger zu. Die Sache ist nämlich die: Die Ausgangsimpedanz der Endstufe ist sehr niedrig und so macht es kaum Sinn, Hochfrequenzen gegen Masse abzuleiten. Viel mehr muss man hier eine frequenzabhängige Gegenkopplung einsetzen, die Hochfrequenzen am Ausgang erst gar nicht entstehen lässt, weil diese schon eingangsseitig unterdrückt werden.

    (In der im Elektronik-Minikurs angegebenen Schaltung ist das nicht wirklich erfolgt. Das eingangsseitige Tiefpassfilter und die zusätzliche Frequenzgangkompensation reichen aber völlig aus.) Tatsächlich kann man das Boucherotglied zu diesem Zweck verwenden, wenn keine Gegentaktendstufe vorliegt und z.B. direkt der Ausgang des OpAmp verwendet wird (z.B. für Kopfhörer). Dann macht es durchaus Sinn die Gegenkopplung durch starke Ausgangsbelastung abzuschwächen. Besonders geeignet sind dazu aber Verstärkerschaltungen die mit einem Transkonduktanzverstärker (OTA) aufgebaut sind. Mehr dazu in:

    2.   Bernd Mayer behauptet, dass man die Kapazität im Boucherotglied gemäss der Gesetzmässigkeit C=L/(R*R) allgemein bestimmen kann. Das ist unter einer Bedingung völlig richtig! Diese Bedingung ist - Bernd hat richtigerweise auch das korrekt erwähnt - dass die beiden ohmschen Anteile gleich gross sein müssen.

    Warum das so ist?

    Nicht ganz einfach zu berechnen, aber doch leicht zu verstehen!
    Es liegt also eine Parallelschaltung aus einem RC und einem RL Glied vor, wobei R in beiden Fällen gleich ist.

    Berechnung der Resonanzfrequenz:
    Man berechne: (R + 1/(j*w*C))||(R + j*w*L) --> die Resonanzbedingung ist, dass der Imaginärteil gleich Null ist. Setzt man also ....*j = 0 und löst die entstehende Gleichung nach w auf, kommt man zum bekannten Ergebnis w = sqrt(1/(L*C)).

    Löst man die Gleichung aber nicht nach w, sondern nach C, so wird man feststellen, dass sich w eliminiert und man die frequenzunabhängige Bedingung C=L/(R*R)erhält. Setzt man C diesen Wert, so ist die Last für alle Frequenzen gleich R (Idealfall).

    Wie kann das sein? - es lässt sich auch logisch erklären:

    Bei steigender Frequenz erhöht sich die Reaktanz der Induktivität L gemäss XL=j*w*L - dafür sinkt der sie durchfliessende Strom iL - womit die Spannung uL=iL*XL konstant bleibt.

    An der Kapazität herrschen analoge Verhältnisse. Der interessierte Leser kann sich das anhand eines Zeigerdiagrammes visuell vor Augen führen und wird die "totale Kompensation" mit Sicherheit verstehen.

    Die Dimensionierung von C mit Hilfe einer Messung der Sprungantwort der Lastimpedanz plus Boucherotglied ist eine gute Idee. Man kann auch - wenn man eine beliebig grosse, genaue Referenzkapaziät verwendet und so die Resonanzfrequenz ermittelt, die Induktivität L einigermassen schnell und ausreichend genau bestimmen!

    Somit verbleibt mir, dem Leser für sein Interesse zu danken, und für weitere Fragen zu Verfügung zu stehen.

    MfG. Christian



    Thomas Schaerer, ??.03.2000 ; 07.08.2002 ; 18.10.2002 ; 31.10.2002 ; 14.03.2003(dasELKO) ; 21.12.2003 ; 07.10.2004 ; 27.12.2005

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