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Begriff DURCHGRIFF nicht so passend - finde ich. (Elektronik)

verfasst von schaerer(R)  E-Mail, Kanton Zürich (Schweiz), 11.04.2010, 11:48 Uhr

Hallo Olit,

» Da ich in meiner ganzen Bastlerlaufbahn es bis vor vorgestern vermieden
» habe, diese röhrenartigen Transistoren in meine Schaltungen einzubinden,
» würden mich hochtrabende Theorien nur abschrecken!

Wobei einzuwenden ist, auch für Transistoren gibt es hochtrabende und abschrecknde Theorien und Mathematik, die man für die praktische Schaltungsrealisierung eher selten benötigt. Es sieht dort anders aus, wo Transistoren am Limit betrieben werden und z.B. in der (U)HF-Technik. Oder, ich kann mir vorstellen, im (physikalischen) IC-Design, wo man auch Transistoren kreiren muss, will man nicht auf Library zugreifen.

» Schon als ich mich mit Röhren auseinander setzte, wahren mir manche
» Begriffe wie Durchgriff unsympathisch. Das scheint bis heute Nachwirkungen zu haben.

Es hat sehr viel damit zu tun, wie so etwas wie der eigentlich unpassende Begriff DURCHGRIFF erklärt wird. Es nützt gar nichts, wenn ein Lehrer einem nur eine Formel an die "Birne" schmeisst, die zu 150% abstrakt und unverständlich empfunden wird. Man kann so etwas durchaus auch verständlich erkläeren und dafür habe ich ein wenig recherchiert:

http://de.wikipedia.org/wiki/Elektronenröhre

Da liest man diesen Ausschnitt: "Die Abhängigkeit des Anodenstromes von der Gitterspannung ist grundsätzlich nicht linear. Die Nichtlinearität resultiert aus der Rückwirkung (Durchgriff) der Anodenspannung durch das Gitter auf die Raumladung der Elektronenwolke um die Kathode."

Alleine schon diese Formulierung - und nicht Formel - vermittelt, oder fast besser gesagt, initialisiert in einem eine Vorstellung. Es wirkt sich bildhaft auf die eigene Phantasie aus und man kann damit schon mal etwas anfangen.

Auch dieser Satz aus dem Wiki ist für den Praxisbezug bemerkenswert:
"Der Vierpolparameter Durchgriff beschreibt die Rückwirkung eines sich ändernden Anodenpotenzials auf den Anodenstrom. Ein hoher Durchgriff, das heißt eine starke Rückwirkung des Anodenpotenzials, wirkt wie eine „eingebaute“ Gegenkopplung."
Man beachte „eingebaute“ Gegenkopplung"!!!

Eigentlich finde ich Rückwirkung besser als Durchgriff. Es geht um einen elektronen-elektrischen Vorgang von der Anode zurück zur Kathode. Eben eine "innere Gegenkopplung".

Unter Durchgriff fantasiert sich bei mir etwas anderes!

Beispiel: Ein Tiefpassfilter hat im Grenzfrequenzbereich eine gewisse Steilheit. Man benützt dieses Filter als Anti-Aliasing-Tiefpassfilter vor einem Analog/Digital-Wandler. Nun gilt das Abtasttheorem, das besagt, dass theoretisch keine Freuqenzanteile des Eingangssignales, die höher sind als die halbe Abtastfrequenz des AD-Wandlers, den Eingang des AD-Wandlers erreichen dürfen. Gelangen, wegen zu geringer Steilheit im Grenzfrequenzbereich des TP-Filters, trotzdem Frequenzanteile in den "verbotenen Bereich", entstehen im digtalen Ausgang Frequenzanteile, die gefaltet werden und so in Wirklichkeit gar nicht existieren.

Allgemeiner geht's vielleicht so:

Durchgriff = Erwünschte und/oder unerwünschte Nebenwirkungen, wenn die Bandbreite einer "Signalquelle" zu hoch ist.

Signal, Wirkung oder Wirkungsbandbreite und Durchgriff kann man allgemeiner nachempfinden...

Beispiel aus der Medizin: Ein Betablocker (z.B. NEBILET) wirkt, was er auch tun soll, begrenzend auf den Blutdruck. Mit Dosierung senkt man ihn. Das erfolgt durch eine Begrenzung der maximalen Pulsschlag-Frequenz.

Davon entsteht eine Nebenwirkung, die dann nachteilig sind, wenn man kurzzeitige physische Spitzenleistung erbringen will oder muss. Sportler. Ich spüre dies, wenn ich auf's Tram springen will, damit es mir möglichst nicht vor der Nase wegfährt. Da merk ich deutlich, dass mir gewisse Grenzen gesetzt sind. Dafür gibt es aus der Wirkungsbandbreite auch eine erwünschte positive Nebenwirkung. Ich habe, weil ich diesen Betablocker nehmen muss, deutlich seltener und wenn weniger stark ausgeprägte migränoide Kopfschmerzen.

Diese positive Nebenwirkung soll bei gewissen Betablockern sogar extra verstärkt sein, in dem man am Molekül noch extra ein wenig herumgeschraubt hat - etwas volkstümlich formuliert. :-)

Jetzt aber zurück zu den alten Glaskolben-Transistoren. Ich habe da noch eine interessante Seite im Radioröhrenmuseum gefunden:

http://www.radiomuseum.org/forumdata/upload/323-328_Vakuumroehre.pdf

Da wird auch vom Durchgriff geschrieben. Es lohnt sich wegen dem Gesamtzusammenhang alles zu lesen, weil im Kapitel "Schirmgitterröhre" kommt das selbe Thema auch wieder vor, allerdings ohne, dass man dort das Wort Durchgriff liest.

Ich kann von dort (PDF) kein Satzteil per Drag&Drop hierher kopieren. Darum dort lesen. Im ersten Satz im Kapitel "Schirmgitterröhre" endet der erste Satz mit "unerwünschte Steuerwirkung der Anode". Verständlicher finde ich es, wenn stehen würde "unerwünschte Steuerwirkung durch die Anode". So kleine Satzänderungen könnten manchmal viel bewirken in unserer Vorstellungswelt.

--
Gruss
Thomas

Buch von Patrick Schnabel und mir zum Timer-IC NE555 und LMC555:
https://tinyurl.com/zjshz4h9
Mein Buch zum Operations- u. Instrumentationsverstärker:
https://tinyurl.com/fumtu5z9



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FET und MOSFET - hws(R), 09.04.2010, 12:02
FET und MOSFET - darkangel1208, 09.04.2010, 12:53
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geht aber weit über das hinaus ... - hws(R), 09.04.2010, 23:52
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OT: James Cameron lässt grüssen... - schaerer(R), 10.04.2010, 22:15
OT: James Cameron lässt grüssen... - hws(R), 10.04.2010, 22:56
geht aber weit über das hinaus ... - olit(R), 10.04.2010, 12:56
OT: Maxwell, Meyl, Feldgleichung, DarkAngel und Cameron - schaerer(R), 10.04.2010, 22:29
OT: Maxwell, Meyl, Feldgleichung, DarkAngel und Cameron - olit(R), 11.04.2010, 00:14
Begriff DURCHGRIFF nicht so passend - finde ich. - schaerer(R), 11.04.2010, 11:48